Bücher
Michael Titze
Die heilende Kraft des Lachens
Mit Therapeutischem Humor frühe Beschämungen heilen
»Hölzerne« Menschen haben oft Schwierigkeiten, von anderen akzeptiert zu werden. Dieses Buch zeigt einen interessanten neuen Therapieansatz, wie frühe Beschämungen geheilt werden können.

Vorwort
01. Die ungestüme Lebendigkeit
02. Die Urscham
03. Die Gewissensbildung
04. Die Scham
05. Die Wurzeln der selbstbezogenen Scham
06. Die Empfindlichkeit
07. Die Selbstkontrolle
08. Die Brücke zur Gemeinschaft
09. Die Pubertät
10. Das Komische
11. Die Lebenskraft befreien
12. Das Lachen
13. Der Sinn im Widersinn
14. Die Unverschämtheit
15. Der Therapeutische Humor

Mit einem Anhang von Waleed A. Salameh
(San Diego)
Kösel-Verlag & Co.
München, 1995.
7. Auflage 2012,
368 Seiten, Kt.
ISBN 3466303907
 
EUR 21.95
CHF 39.50

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Rezensionen
• Buchbesprechung von Univ.-Doz. Dr. Rolf Kühn (gekürzt)
• Buchbesprechung von René Schweizer
• ZDF-sonntags - tv fürs Leben, Literaturtipps
Vorwort
Für Miriam und Nicolas

Unter dem Titel »Schizophrenie und Familie« erschienen im Jahre 1969 die wichtigsten Arbeiten der sogenannten Palo Alto-Gruppe in deutscher Übersetzung. Ich studierte damals Psychologie, und ich kann mich noch gut erinnern, wie sehr mich die paradoxen Aussagen Gregory Batesons und seiner Mitarbeiter beeindruckten. Schon auf den ersten Seiten dieses Buches wird darauf hingewiesen, dass wir stets auf verschiedenen Ebenen kommunizieren. Wir können eine verbale Botschaft vermitteln (zum Beispiel: »Ich mag etwas«) und dabei gleichzeitig körpersprachlich eine gegenteilige Aussage machen (indem wir etwa unser Gesicht angewidert verziehen). Oft ist uns dies gar nicht bewusst. Wir können ferner eine Botschaft in einer wörtlichen ('expliziten') und einer metaphorischen (»impliziten«) Weise kommunizieren. Dabei kann das offen Ausgesprochene durch das indirekt Thematisierte völlig in Frage gestellt werden. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn jemand verächtlich grinsend beteuert, das Fachwissen seines Vorgesetzten zu schätzen. Die implizite Kommunikation spielt bei der Entstehung früher Beschämungen eine ganz entscheidende Rolle. Im abweisenden Gesichtsausdruck und im kalten Blick seiner Bezugsperson, »liest« das Kind die verhängnisvolle Botschaft: Du bist nicht liebenswert, du gehörst nicht dazu ... Das Beschämende daran ist, dass diese Botschaft nicht begründet wird und nicht hinterfragt werden darf (und daher auch nicht korrigiertwerden kann). Denn eine solche Botschaft wird nicht explizit geäussert. Derartige kommunikative »Doppelbindungen« sind paradox. Sie sprengen den Rahmen des gesunden Menschenverstandes, der nur eindeutige Aussagen zulässt. Wer sich aus solchen alogischen und metakommunikativen Zwickmühlen befreien will, der muss den paradoxen Weg konsequent weitergehen. Bateson und seine Mitarbeiter entdeckten in diesem Zusammenhang die Bedeutung des Humors. Sie beschrieben seine Wirkung so: »Es ist zum Beispiel eine Entdeckung, wenn plötzlich klar wird, dass eine Botschaft nicht nur metaphorisch gemeint ist, sondern auch wörtlich - und umgekehrt. Das heisst, das explosive Moment im Humor kommt in jenem Augenblick zur Wirkung, in dem die Markierung der Kommunikationsmodi aufgelöst und zu einer neuen Synthese zusammengesetzt wird.« Damit wurden die analytischen Studien Sigmund Freuds über den Witz aus einer neuen Perspektive heraus bestätigt. In den folgenden Jahren zeigte mir die Lektüre der faszinierenden Werke von Paul Watzlawick, der ebenfalls zur Palo Alto-Gruppe gehörte, weitere ungeahnte Möglichkeiten paradoxer Auflösungen kommunikativer Doppelbindungen auf. Es wurde mir dabei immer bewusster, dass die Symptomatik neurotischer und psychotischer Krankheitsbilder nicht allein unter dem Aspekt eines defizitären Abweichens von der Norm gesehen werden kann. Jedes Symptom bringt vielmehr auch etwas Kreatives zum Ausdruck. Es entspricht einem kommunikativen »Arrangement«, das schon den (unverstandenen) Ansatz eines Lösungsversuchs in sich birgt. Diese - gleicherweise ermutigende wie paradoxe - Sichtweise wurde mir auch in den Werken Alfred Adlers vor Augen geführt. Hier bekam ich ein Menschenbild vermittelt, das optimistisch und ressourcenorientiert ist. Denn die schöpferische Kraft lässt den Menschen nicht zum blossen Opfer widriger Lebensumstände werden. Sie ermöglicht - selbst in den schwersten Formen psychischer Erkrankung - ein Streben nach Überwindung entsprechender Mangelzustände. Das Symptom bringt dies in verschlüsselter Form zum Ausdruck. Es ist, wie Viktor Frankl es ausgedrückt hat, somit gleichzeitig »Mittel und Ausdruck«. Der Psychotherapeut muss diesen Sinngehalt dechiffrieren und seinem Klienten »bewusst zu machen«. Er lenkt damit die Aufmerksamkeit auf die im vordergründig Krankhaften verborgene Lebenskraft. Damit wird ein Symptom (paradoxerweise) »annehmbar«! Adlers Schüler Rudolf Dreikurs fasste dies vor über sechzig Jahren in die Worte: »Man rät dem Patienten, gerade das zu üben, was er bis jetzt scheinbar bekämpft hat, also sein Symptom zu verstärken.« So wird ein »Mut zur Unvollkommenheit« angeregt, der die eigentliche Voraussetzung für die Überwindung neurotischer Fehlhaltung ist. Über die Lektüre von Adlers Werken kam ich zu Viktor Frankl, der für kurze Zeit selbst im Einflussbereich der Individualpsychologie stand. Frankls Methode der »paradoxen Intention« ist für mich die genialste Entdeckung der Psychotherapie. Denn im Gegensatz zu vergleichbaren Methoden etwa der Verhaltenstherapie hatte Frankl ausdrücklich die geistige Kapazität des Menschen vor Augen. Er war zutiefst überzeugt, dass der Mensch unter allen Umständen über sich selbst hinauswachsen kann - sofern es ihm gelingt, sich »von sich selbst zu distanzieren«. Dazu bedarf es eines »Mutes zur Lächerlichkeit«, den der Therapeut aber nur dann vermitteln kann, wenn er diesen Mut selbst besitzt. Die Voraussetzung dafür ist, sich von den beschämenden Zwängen eines Denkens zu befreien, das eine Trennlinie zwischen »gut« und »schlecht«, »krank« und »gesund« sowie »normal« und »verrückt« zieht. Nach Frankl kann die personale Unversehrtheit, die spezifisch geistige Kraft eines Menschen, selbst in Fällen schwerster psychischer Erkrankung geborgen werden. Dieses »Humanissimum« ist unverletzlich. Es sichert die Menschenwürde, und es ist die Quelle allen Selbstwertgefühls - sofern es nicht aus den Augen verloren wird! Und dies ist stets dann der Fall, wenn sich ein Mensch ('hyperreflektiv') auf defizitäre Aspekte seiner körperlichen und psychischen Funktionsfähigkeit zu konzentrieren begann. In meiner psychotherapeutischen Praxis habe ich zu verstehen gelernt, was der Grund dafür ist. Es ist die beschämende Überzeugung, im Hinblick auf die unkritisch hingenommenen Idealnormen eines starren Gewissens nicht »gut genug« zu sein. Und diese Überzeugung ist es, die zu der quälenden Furcht führt, sich vor den Augen der Welt lächerlich zu machen.
In Viktor Frankl habe ich einen grossartigen Menschenfreund kennen und schätzen gelernt. Er besitzt den unerschütterlichen Glauben, dass ein Mensch, ungeachtet aller Schicksalschläge, »trotzdem Ja zum Leben sagen« kann. Denn die »Trotzmacht« des Geistes vermag ihm die Kraft und die Fähigkeit zu einer sinnerfüllten Selbstentfaltung zu vermitteln. Und diese Trotzmacht ist es, die den Menschen über sich selbst hinauswachsen ('transzendieren') lässt. So lässt sich - »paradoxerweise« - auch dann ein »Urvertrauen zum Dasein« (wieder)herstellen, wenn die Logik der äusseren Umstände nur Hoffnungslosigkeit zulassen wollte. Vieles von dem, was ich dem Leser vermitteln möchte, hat mich Frankl gelehrt. Ich habe mit ihm über den Sinn der paradoxen Intention längere Zeit korrespondiert. Doch zunächst war mir nicht recht bewusst, welche Bedeutung dabei dem Humor zukommt. Eines Tages gab mir Frankl die Anregung, einen Beitrag für das von William F. Fry und Waleed A. Salameh herausgegebene Handbook of Humor and Psychotherapy zu schreiben. Dies war eine grosse Ehre für mich, denn die Herausgeber hatten Frankl zunächst um seine eigene Mitarbeit gebeten. Doch ich fühlte mich dafür nicht kompetent genug, hatte ich mich doch noch nie ausdrücklich mit der Bedeutung des Humors für die Psychotherapie befasst! Frankl entgegnete darauf: »Aber Sie haben sich mit der paradoxen Intention befasst. Und der Humor ist nichts anderes als eine grosse Paradoxie!« So habe ich vor über zehn Jahren meinen ersten Aufsatz über Therapeutischen Humor geschrieben. In William F. Fry, der lange Jahre an der Stanford-University lehrte, fand ich einen weiteren Lehrer. Er selbst gehört zu den »Urvätern« der Palo Alto-Gruppe. Sein Spezialgebiet war schon damals die Bedeutung des Humors im Bereich paradoxer Kommunikationsformen. Und in den siebziger Jahren hat William Fry die Humorphysiologie begründet. Sie wird auch als Gelotologie (=Wissenschaft vom Lachen) bezeichnet. Inzwischen gibt es einen ganzen Forschungszweig, der sich mit den positiven Auswirkungen des Lachens auf das menschliche Immunsystem befasst. Vor drei Jahren habe ich William Fry auf einer Vortragsreise durch Mitteleuropa begleitet. Bei dieser Gelegenheit erwähnte er anekdotisch die Figur von Pinocchio, die sich in so vielen psychosomatischen Krankheitsbildern wiederfindet. Dieser Anregung verdanke ich es, dass ich mich seither mit dem Wesen des »Pinocchio-Komplexes« befassen konnte. Mit Frys kreativem Mitarbeiter Waleed A. Salameh verbindet mich mittlerweile freundschaftliche Kollegialität. Ich habe ihn bei seiner Arbeit mit Therapeutischem Humor in San Diego unmittelbar erlebt. Dies war ebenso anregend wie ermutigend für mich. Denn noch gibt es nur ganz wenige Psychotherapeuten, die so intensiv und so erfolgreich mit Therapeutischem Humor arbeiten wie Salameh. Aber noch vielen anderen bin ich zu grossem Dank verpflichtet. An erster Stelle denke ich an Wolfgang Kretschmer, meinen langjährigen Lehrer und väterlichen Freund. Er machte mich auf die heute kaum mehr bekannten Studien seines Vaters Ernst Kretschmer über beschämende Insuffizienz bei paranoiden Krankheitsverläufen aufmerksam. Dies geschah zu einem Zeitpunkt, als die Bedeutung der Scham im Bereich der Psychotherapie noch gar nicht erkannt worden war. (Erst in den letzten Jahren haben amerikanische Autoren diesen »verkannten Affekt« zu beschreiben begonnen.) Wolfgang Kretschmer ist ganz unerwartet vor wenigen Monaten verstorben. Wenige Wochen vor seinem Tod hielt er noch einen beeindruckenden Vortrag im »Forschungskreis für Philosophie und Therapie«. Freundschaftliche Dankbarkeit empfinde ich auch gegenüber Rolf Kühn, dem Leiter des Forschungskreises. Er hat mich das Wesen der »Selbstaffektion« so verstehen lassen, wie es der französische Lebensphänomenologe Michel Henry in seinen unvergleichlichen Analysen herausgearbeitet hat. Inzwischen wird mir zunehmend bewusst, wie sehr die Lebensphänomenologie mein methodisches Verständnis im Umgang mit der menschlichen Affektivität beeinflusst hat. Denn der Therapeutische Humor ist vor allem ein Mittel, die scheinbar unverrückbaren Gegebenheitsweisen unserer naiv hingenommenen Alltagswelt »auszuklammern«. Dies ist mehr als eine blosse Relativierung normativer Zwänge. Denn es ermöglicht den Zugang zum affektiven Kindsein als der Sphäre »reinen Lebens«. An dieser Stelle danke ich ferner den Kollegen des Forschungskreises, die mir viele Anregungen gegeben haben. Ich danke aber auch den Teilnehmern des »Werkreises Therapeutischer Humor«, die voller Begeisterung, aber auch mit kritischen Anregungen den humorvollen »Weg aus der Scham« mit mir zusammen erprobt haben. Schliesslich bin ich all jenen zu Dank verpflichtet, die mir bei der Entstehung dieses Buches mit Rat und Tat zur Seite gestanden sind. An erster Stelle ist dies meine Frau Brigitte, ohne deren kompetente Unterstützung und aufwendigen Einsatz dieses Buch wohl erst zu einem viel späteren Zeitpunkt erschienen wäre. Ich danke Karlheinz Lepper, der sämtliche Probleme der Textverarbeitung souverän gelöst hat. Ferner bin ich Heidi Mayer, die alle Schreibarbeiten äusserst zuverlässig erledigt hat, zu grossem Dank verpflichtet. Ich danke auch Rosie Auerbach, Anneliese Braun, Christof T. Eschenröder, Simone Hauke, Dieter Kragl (für eine wichtige Anregung!), Helmut Pflumm, Hans-Rudolf Pricking, Karin Raub und nicht zuletzt meiner Mitarbeiterin Erika Kunz, die für dieses Buch ein eigenes Kapitel geschrieben hat.
Michael Titze, Tuttlingen, Ostern 1995

Buchbesprechung von Univ.-Doz. Dr. Rolf Kühn (gekürzt)
EXISTENZANALYSE, 2., 1996, S. 96-97

Dieses Buch gehört nicht zu den Neuerscheinungen, die sich in nur wissenschaftlicher Weise mit dem in Europa noch wenig bekannten Fachgebiet der Gelotologie (Lehre vom Lachen) beschäftigen. Es stellt vielmehr eine kreative Kombination aus Märcheninterpretation (Pinocchio), biographischer Erzählung, klinischen Falldarstellungen aus der Praxis des Autors und Verweisungen auf literarische und philosophische Aspekte dar. Dabei ist das Ganze in einen wissenschaftlichen Zusammenhang gestellt, der sich in profunder Weise ebenso auf die Erkenntnisse der modernen Schamforschung bezieht, wie er die Ergebnisse der ebenfalls neuen Humorforschung berücksichtigt. Das Buch erhält jedoch seine besondere Spannung und Lebendigkeit durch die Figur des Docht, dessen Geschichte das vorliegende Buch leitmotivartig durchzieht, und zwar als des Hampelmanns Pinocchio unglücklicher Doppelgänger. Wie dieser ist er der verhängnisvollen Wirkung destruktiver Beschämungen ausgesetzt, an denen er im Unterschied zu Pinocchio, der sich aus diesen Verstrickungen schließlich befreien kann, zugrunde geht.
Titze läßt diesen Docht noch einmal aufleben und macht ihn zum Sinnbild und Träger von Einzelschicksalen, die sich aus den klinischen Fallbeispielen, aber auch aus lebensgeschichtlichen Vignetten bekannter literarischer und philosophischer Persönlichkeiten (z.B. F. Nietzsche, H. Hesse) herleiten - eine gelungene Darstellung und Aufbereitung, die die Lektüre des Buches spannend und abwechslungsreich macht. So gelingt es dem Autor, die Genese und Auswirkung früher Beschämungen einfühlsam und bewegend verständlich zu machen und gleichzeitig - und dies ist der zweite Schwerpunkt des Buches - die Möglichkeit einer Befreiung aus der Unlebendigkeit und Erstarrung des Pinocchio-Komplexes (was wohl einen besseren Buchtitel gegeben hätte!) durch die Kraft des Humors aufzuzeigen. Titze sieht dabei im Humor und Lachen den positiven Kontrapunkt zur sogenannten Gelotophobie, der Angst vor dem Ausgelachtwerden. Diese Angst ist ein typisches Kennzeichen schamgebundener Menschen und kann im Extrem zur sozialen Isolation und zum Außenseitertum führen, wie Titze anhand etlicher Fallbeispiele nachweist. Die »heilende Kraft« des Lachens oder besser: des Humors, die sich am ehesten in therapeutischen Gruppen entfalten kann, wird im zweiten Teil des Buches beschrieben. Der Leser kann sich hier informieren über eine Reihe von innovativen Techniken und Interventionen, besonders auch über den Einsatz des sogenannten therapeutischen Clowns. Der Autor zeigt auf, welche Funktionen Narren, Schelme und Clowns immer schon übernommen haben und beschreibt in diesem Zusammenhang den Therapeutischen Clown als einen lächerlichen Protagonisten, der bewußt das Ausgelachtwerden intendiert und provoziert. Er ist das »unverschämte« Kind, das sich über Regeln und Normen hinwegsetzt und sein Scheitern »lustvoll« inszeniert. Titze führt hier einige Clownsübungen beispielhaft an, die sich in der Praxis auch eigener therapeutischer Humorgruppen bewährt haben.
Geht man der innersten Intuition nach, die den Autor bewegt und sich in den häufigen Bezügen auf lebensphilosophisches Gedankengut zeigt, dann ist es eigentlich ein Buch, das die Begriffe einer »Lebenskraft« oder »Lebensfreude« in seinem Titel haben sollte. Denn im letzten geht es, phänomenologisch gesehen, darum, daß die Schamangst zwar die ursprüngliche »Lebendigkeit des Lebens« überdecken, aber nicht vernichten kann. Insofern weist das Buch der psychotherapeutischen Praxis und Forschung überhaupt einen neuen Weg, nämlich auf die originäre Lebensäußerung selbst zu achten, da sie auch noch in den Erstarrungen anzutreffen ist. Das Buch weist nur dezent auf die Quelle dieser nicht versiegenden Lebenskraft hin, nämlich auf die phänomenologische Selbstaffektion, die in ihrem Wesen Freude des Lebens an seinem je einmaligen, individuellen Sich-Erleben ist. Damit enthält dieses Buch auch Ansätze für eine philosophisch-psychologische Anthropologie, die durch die lebensphänomenologische Forschung gerade entdeckt werden und hier vor allem auch aus der Praxis belegt werden.
Insgesamt handelt es sich aber um ein Buch, das neugierig macht, weil es eine Thematik anspricht, die in dieser Form im deutschsprachigen Raum noch nicht behandelt wurde. Es tun sich hier außerdem neue, erfrischend unkonventionelle Therapiemöglichkeiten auf - weg vom getragenen Ernst klassischer Psychotherapie hin zu einer humorvollen Lebendigkeit im therapeutischen Gruppensetting. Das Buch kann Fachleuten verschiedener Humandisziplinen ebenso empfohlen werden wie Betroffenen, die unter Schamproblemen leiden.
Buchbesprechung René Schweizer
Basel 1995: Gedanken zu einem aussergewöhnlichen Buch.

Wir sind ein seelisch kranker Planet, und durch das Lachen können wir geheilt werden. Dies mein persönliches Fazit aus der Lektüre von Michael Titzes neuem Buch »Die heilende Kraft des Lachens - Mit Therapeutischem Humor frühe Beschämungen heilen«, welches im renommierten Kösel-Verlag erschienen ist. Um aufzuzeigen, wie der Therapeutische Humor funktioniert und weshalb er wirksam ist, schildert Titze, Psychologe und Soziologe, zunächst einmal ausführlich und umfassend die verschiedenen Möglichkeiten der Entstehung von Scham und deckt dabei Schritt für Schritt auf, wie gestörte Befindlichkeiten, Verhaltensweisen und Selbst-Verständnisse sich entwickeln und welche Folgen sich daraus für die Betroffenen ergeben. Neben der klaren Sprache fasziniert vor allem die Konsequenz, mit welcher der Autor den Leser gleichsam nebenher in dessen eigene Vergangenheit führt, da jeder während der Lektüre irgendwann einmal erkennt: Hier geht es um mich. Anhand des Pinocchio-Beispiels vom hölzernen Hampelmann entschleiert Titze die Mechanismen, welche manch ein in der sogenannt zivilisierten Welt geborenes Kind zwangsläufig in irgend eine Form von Verhaltensgestörtheit hineintreiben. Die Art und Weise wie der Autor das macht, ist virtuos. Er setzt Steinchen an Steinchen und entwickelt so ein Mosaik, welches sowohl die Welt des Einzelnen als auch als Ganzes abbildet. Jäh wird einem so die Menschheitsgeschichte als Anamnese verständlich. Das Buch hat philosophische Dimension. Wenn Titze die Eltern von Menschen, »die seit ihrer Kindheit Versagungen, Enttäuschungen und beschämende Erniedrigungen haben erdulden müssen« als »Eltern, denen das Seelenleben ihrer Kinder fremd ist, wie das Kindsein im allgemeinen« beschreibt, dann fragt man sich unvermittelt, was für eine Kindheit diese Eltern wohl ihrerseits hatten. Und deren Eltern. Und so weiter bis in die graue Vorzeit hinein. So entsteht wie aus dem Urnebel heraus ein von Kapitel zu Kapitel deutlicher werdendes Bild der Welt. Man versteht anhand der Analyse von vielen Einzelnen, wie es mit ihr als Ganzes soweit hat kommen können. Titze schreibt: »Diese Eltern zeigen sich empört, wenn das Kind seinen eigenen Weg durchsetzen will ... Das Kind soll so werden wie die Eltern selbst. Denn auch sie mussten ihre kindliche Lebendigkeit einst aufgeben, bis das Kind in ihnen erstarrte.« Mit der Geburt jedes Kindes ergibt sich eine Chance für die Heilung des Ganzen, denn jedes Kind ist ein potentieller Antikörper. Doch die Demenz der Umwelt, in der es heranwächst, ist oft stärker, und so verwandelt sich der Antikörper selbst in eine neue kranke Zelle. »Der Therapeutische Humor sucht den Weg aufzufinden, der zum unverletzten Kindsein führt«, schreibt Titze. Assistiert durch den therapeutischen Clown beginnt der Psychologe »die Gruppenarbeit im allgemeinen mit problemzentrierten Gesprächen«, deren »grundlegendes Thema die Scham ist.« Er fordert die Teilnehmer auf, ihre Probleme vor der Gruppe zu schildern. Wenn jemand seine Geschichte erzählt hat, wird diese von den Gruppenmitgliedern nachgestellt und nachgespielt. Dabei »steht der therapeutische Clown dem jeweiligen Akteur hilfreich zur Seite. Er sorgt dafür, dass der 'Kopf', also das selbstkontrollierende Erwachsenendenken, ausgeklammert bleibt.« Die Angst schamgebundener Menschen vor dem Ausgelachtwerden wird dabei umgepolt in eine Freude am Applaus. »Ich konnte erleben, dass ich mit Lust und Ulk das absichtlich produzieren kann, was mir bislang wie ein fremder Zwang erschien« zitiert Titze einen Teilnehmer. »Das Gelächter, das ich dabei hervorrufe, geht nicht mehr gegen mich. Es ist die Anerkennung für meinen Erfolg als Komiker.« Es tut sich hier eine Aufgabe für die Forschung auf. Wann, wie, wo, wieso und auf welche Weise ist die Scham in die Welt gekommen? Friedrich Nietzsche hat dazu schon viel Vorarbeit geleistet, aber die Erkenntnisse müssten heute zeitgemässer daherkommen, in einen modernen Kontext gestellt werden. Wenn wir die Systeme betrachten, unter deren Diktat die Menschen noch immer auf dem Globus leben, dann sehen wir, dass die Scham ein elementares Werkzeug ist, mit dem alle Wertegebäude und Hauptreligionen arbeiten. Der eine hat sich zu schämen, weil er der falschen Kaste angehört, der andere, weil er reich, der dritte, weil er arm ist, der vierte, weil er begehrt, was er nicht sollte, der fünfte, weil er sich auf diese oder jene Weise nicht in der Hand hat und der sechste, weil er diesem oder jenem Ideal nicht entspricht etc. Die Scham ist wie ein globaler Imperativ. Wer sich nicht schämt, ist Scham-los, und schamlos sind die niederen Kreaturen, die Trieb- und Tiermenschen, die Morallosen, die Verachtenswerten. Entweder man schämt sich oder man verachtet. Oder: Man schämt sich gegen oben und verachtet gegen unten. Das bedeutet in letzter Konsequenz: Untertänigkeit gegenüber Autorität, Herablassung gegenüber Niedergestellten, Untertan und Übertan.Wir Heutigen haben ein schweres Erbe zu tragen. Aber vielleicht ist das Schöpfungsschauspiel in Akte aufgeteilt, und dieser jetzige nähert sich seinem Ende. Überall ist vom Paradigmenwechsel die Rede. Heisenberg, der grosse Elementarphysiker und Nobelpreisträger, sagte, dass alles, was man in der modernen Physik noch erwarten könne, das Unerwartete sei. Dies gilt auch für die Pointe im Witz. Vielleicht sind wir mit der Quantenphysik, der Chaostheorie und der Gelotologie (Lachforschung) der Wahrheit auf der Spur. Vielleicht ist Gott ein Possenreisser und bereit dazu, endlich seine Karten aufzudecken. Vielleicht haben jene recht, welche vom Leben als von einer grossen Illusion (Maja) reden. Vielleicht ist das Lachen der einzige Ausweg aus der grossen Verwirrung ...

 
 
ZDF-sonntags-tv fürs Leben, Literaturtipps zum Schwerpunkt Humor, 26.02.2006 (von Gunnar Petrich)
 
Michael Titze: Die heilende Kraft des Lachens.
Mit Therapeutischem Humor frühe Beschämungen heilen.
Broschiert - 367 Seiten, Kösel (2004)
 
Bereits vor über zehn Jahren legte der Psychotherapeut Michael Titze sein Buch über die »heilende Kraft des Lachens« vor - für ihn ist »therapeutischer Humor« ein Weg, »frühe Beschämungen« zu heilen. Er wurde unter anderem angeregt durch die Arbeit eines Paul Watzlawick, der sich intensiv mit der so genannten »double bind«-Kommunikation beschäftigt hat - einer Kommunikationsform, bei der man auf vielen Ebenen aneinander vorbeiredet. Beeinflusst hat ihn aber auch der Ansatz Viktor Frankls, der schrieb, dass ein Symptom zugleich »Mittel und Ausdruck« sei. Der Band führt mitten in sehr persönliche Krankengeschichten und richtet sich an Menschen, die therapeutisch arbeiten und mit Humor heilen wollen. In den USA gab es die ersten »närrischen Therapeuten« und Clownärzte bereits in den 80-er-Jahren, dass man inzwischen auch in Europa mit dem Konzept des »therapeutischen Humors« arbeitet, ist auch Praktikern wie Michael Titze zu verdanken.