DIE WELT, 12. April 2010
 
Die panische Angst vor dem Lachen der anderen
 
Mal fröhlich, mal entspannt, mal aggressiv: Lachen ist immer anders. Aber nicht jeder kann das unterscheiden. So genannte Gelotophobiker sind von der Angst besessen, ständig ausgelacht zu werden. Schon Gekicher kann bei ihnen Panik auslösen. Überraschend viele Menschen sind davon betroffen.
Von Jörg Zittlau
 
 

Wenn Affen die Lippen hochziehen und ihre Zähne zeigen, weiß man oft nicht, ob sie fletschen oder lachen. Einige Anthropologen vermuten daher, dass sich das Lachen des Homo sapiens ursprünglich aus einer Drohgebärde entwickelte. Eine umstrittene These, doch für etwa jeden zehnten Bundesbürger steht sie außer Frage. Allerdings nicht aus Überzeugung, sondern aus eigener leidvoller Erfahrung. Denn er zuckt regelmäßig zusammen, wenn jemand in seiner Umgebung lacht. Für Psychologen steht die Diagnose fest: Er leidet an Gelotophobie.

Typisch für einen Gelotophobiker ist folgende Situation: Er sitzt in einem Restaurant, als am Tisch nebenan Gelächter losgeht. Er wird unsicher, bekommt Panik – und geht schließlich zum Nachbartisch, um die dort Sitzenden aufzufordern, endlich damit aufzuhören, ihn auszulachen.

Doch die hatten sich gar nicht über ihn amüsiert. »Lachängstliche sind der tiefen Überzeugung, dass sie komisch wirken, anders und irgendwie lächerlich«, erklärt der Tuttlinger Psychotherapeut und Humorforscher Michael Titze. Aus der ständigen Angst, sich zu blamieren, stolpern sie schließlich über Stühle und verschütten Getränke – und dann wird tatsächlich über sie gelacht.

Prinzipiell ist es allerdings nicht ungewöhnlich, dass Menschen sich unwohl fühlen, wenn gegen ihren Willen über sie gelacht wird. »Denn wir fühlen uns dann erniedrigt, den anderen unterlegen«, erklärt Psychologe Willibald Ruch von der Universität Zürich. Doch Gelotophobiker empfinden eine fortwährende und übersteigerte Furcht vor dem Ausgelachtwerden, schon das Kichern vorbeigehender und ihnen völlig unbekannter Menschen beziehen sie zwanghaft auf sich selbst.

Weltweit haben zwischen zwei und 30 Prozent der Bevölkerung mit diesen Ängsten zu kämpfen, wie Ruch mit anderen Wissenschaftlern in einer aktuellen Umfragestudie an knapp 23.000 Menschen herausgefunden hat. Deutschland liegt hierbei mit elf Prozent in der Mitte, während in Turkmenistan, Malaysia und Gabun die meisten und in Dänemark und Norwegen die wenigsten Gelotophobiker leben. Was bereits ein deutlicher Hinweis darauf ist, dass ihr Problem gesellschaftliche Hintergründe hat.

So wird der Keim für die Störungen meistens schon in der Kindheit gelegt. Der Betroffene hat meistens Eltern, die von ihm ein hohes Maß an Loyalität einfordern, und die bringt ihm spätestens in der Pubertät den Spott anderer Jugendlicher ein, die sich von ihrem Elternhaus emanzipieren wollen. Zudem hat er als Kind den Gesichtsausdruck seiner Eltern, wie Titze beobachtet hat, »als versteinert, leer, desinteressiert und unlebendig erlebt«. Ein dogmatisches und lebloses Elternhaus sowie aggressive Hänseleien der Umwelt begünstigen also die Entstehung einer Gelotophobie.

Als häufigste Symptome zeigen sich Nervosität, Verunsicherung und aggressive Verhaltensweisen. Die Betroffenen meiden oft gesellige Runden, ihr eigener Humor wirkt oft hölzern, oder aber sie ergötzen sich an genau der Schadenfreude, die sie bei anderen fürchten. In besonders schlimmen Fällen nässen sie sich ein, wenn in ihrer Umgebung laut gelacht wird. Spätestens hier werden sie dann zu einem Fall für die Psychotherapie, bei der sich allerdings auch oft herausstellt, dass der Patient noch an anderen Zwangsstörungen leidet.
Aber wenigstens kann er sich damit trösten, dass er sein Schicksal mit berühmten Figuren der Weltgeschichte teilt. Wie etwa mit Napoleon, der sich nicht nur aufgrund seiner Kleinwüchsigkeit dem Spott ausgesetzt sah und behauptete: »Vom Erhabenen zum Lächerlichen ist es nur ein Schritt.« Auch Albert Einstein hatte fortwährende Angst, sich lächerlich zu machen. Er trat die Flucht nach vorn an – und zeigte den Fotografen seine weit ausgestreckte Zunge.

Der Mensch ist übrigens nicht das einzige Geschöpf mit Gelächter. In der Evolution hat sich das stumme Lächeln zum prustenden Lachen entwickelt. Sogar Ratten grinsen, wenn man sie kitzelt. Die Lachlaute der Nager sind für menschliche Ohren allerdings nicht hörbar. Während Halbaffen wie Lemuren nur tonlos lachen, können Menschenaffen ihr Lachen geräuschvoll äußern. Und während Orang-Utans und Gorillas kaum hörbar kichern, klingt es beim Schimpansen und Bonobo bereits beklemmend menschlich. Für Forscher gilt daher die Faustformel: Je höher das Geschöpf, desto lauter das Gelächter.

Warum das so ist? Eine Theorie: Wichtige Signale prägen sich im Laufe der Evolution immer stärker aus. Lachen wirkt als Beschwichtigungssignal; gemeinsames Lachen stärkt das Gemeinschaftsgefühl – aber eben nur für die, die mitlachen können. Studien zeigen: Für die Betroffenen hört sich jede Form von Gelächter gefährlich an – sogar wenn es sich nur um Fröhlichkeit handelt. So spielten Wissenschaftler Gelotophobikern ein Tonband mit verschiedenen Formen des Lachens vor, vom verlegenen Kichern bis zum höhnischen Gelächter. Es zeigte sich, dass sie auch die positiven Spielarten des Lachens als bedrohlich empfanden. Ihnen fehlt also die Fähigkeit, zwischen gut- oder bösartigem Lachen zu unterscheiden.