Schwäbisches Tagblatt, 03.06.2009
Lachen als beste Medizin
Kultur, Wissenschaft und Therapie verbinden sich im Juni zur Tübinger Humorwoche.
Dass Lachen gesund ist, scheint eine Binsenweisheit zu sein. Im Juni schmieden Uni, Klinikum und Kulturschaffende ein noch nie da gewesenes Aktionsbündnis in Sachen Humor.

Tübingen. Eigentlich müssten die Krankenkassen als Hauptsponsoren Schlange stehen, müssten die Streithähne der Gesundheitsreform ihre verbissenen Kampfhandlungen sofort einstellen und ins homerische Gelächter einstimmen: Die Idee, das Humoristische mit dem Therapeutischen zu verknüpfen, ist so naheliegend, dass man erst einmal drauf kommen musste. Für Tübingen tat dies die Kunsthistorikerin und Buchverlegerin Heike Frank-Ostarhild (Legat-Verlag), die sich bereits mit ihrem Vortrag über das Lachen in Kunst und Kultur (»Wenn Meisterwerke Zähne zeigen«) als Kennerin der Materie auswies.

Als Ostarhild vor fünf Jahren auf einem Humorkongress in Essen die ursprünglich Schweizerische Organisation »HumorCare« kennenlernte, waren die Weichen gestellt. Die Gesellschaft beschäftigt sich mit den Bereichen therapeutischen Humors einschließlich der Humorberatung und des Coachings; mit der Gelotologie (das ist die Lachforschung) und mit allgemeiner Humorforschung. Inzwischen gibt es eine deutsche Sektion, deren Mitbegründer, der Viktor-Frankl-Schüler Michael Titze, ebenfalls zur Tübinger Humorwoche kommen wird.
Diese Humorwoche unter dem Motto »Ganz im Ernst!«, die vom 14. bis 21. Juni mit 47 Veranstaltungen an 17 Tübinger Orten stattfinden wird, ist in den Augen der Veranstalter etwas Einzigartiges: Noch nie haben sich Kultur, Wissenschaft und Klinikum derart zusammengeschlossen. Ostarhild zog mit dem ehemaligen SWR-Kulturchef Prof. Thomas Vogel (»Ich bin ja auch kein Kind von Traurigkeit«) einen alten Fahrensmann der Tübinger Lächel- und Schmunzelkultur hinzu, denn Vogel hat schon Anfang der 90er-Jahre nicht nur die bis dato erfolgreichste Studium-generale-Reihe »Über das Lachen« organisiert, sondern auch am »Festival des Lachens« mitgewirkt, einem frühen Vorläufer der nun einmaligen Humorwoche.


Das Pflegepersonal soll mitlachen

Während man sich damals mehr dem »Lachen im Haus Europa« und der grenzenlosen Satire widmete, kommt diesmal der innere gesundheitsfördernde Aspekt der Lachkultur nicht zu kurz. Besonders das Uniklinikum ist da sehr engagiert eingestiegen, organisiert Vorträge und Workshops, die sich auch an Mediziner und ans Pflegepersonal wenden - etwa mit der gerontopsychiatrischen Arbeitstagung »Lachen trotz(t) Altern und Krankheit«, die sich über den halben 17. Juni erstreckt und mit einem neurologisch befeuerten Vortrag über »Lächeln, Humor und Charakter« ausklingt.


Ermutigungsprozess humorvoll fördern

Weitere Fachtagungen beschäftigen sich am 19. Juni mit dem »Humor in den Weltreligionen« und am 20. Juni mit »Humor in den Wissenschaften«. Dazu Humor in der Suchtkrankenhilfe und in der Familientherapie, in der Generation »60 plus« und in der Persönlichkeitsentwicklung, in der Körpersprache, im Firmenmanagement und im Fernsehen (»Wie's Pferdle zu seinem Äffle kam«, mit gereichter Hafer- und Bananentorte!), in der modernen Kunst und im Alltag, im historischen Gewand und im Clownskostüm, in der Psyche und in der aufspießenden Karikatur.

HumorCare-Mann Titze guckt dann aber auch auf die Nachtseite, die Gelotophobie (das ist die Angst vor Lachen), die sich mit einem speziellen »Humordrama« behandeln lässt. Unzählige Künstler wirken mit, von Autor Joachim Zelter (»Betrachtungen eines Krankenhausgängers«) über Clownin Gardi Hutter und Kabarettistin Lisa Politt, über Heiner Kondschak, das BosArt Trio und die »Riskanten Spiele« (mit einem Rabbi als Gaststar) bis hin zu Maren Kroymann, Berlins berühmtester Tübingerin. Eine Kinoreihe begleitet die Humorwoche, die sowohl von einer Eröffnungsgala (am 14. Juni) als auch von einer Abschlussgala (am 21. Juni) umkränzt wird.

Thomas Vogel erklärt Tübingen zur Humor-Hochburg und fühlt sich jetzt bestätigt: Die Veranstalter rannten mit ihrem Ansinnen »offene Türen ein«, die Stadt habe einfach ein »ungeheures Humorpotenzial«. Und Ostarhild ergänzt: »Mario Barth füllt das Olympiastadion, aber so etwas wollen wir nicht. Das passt nicht zu Tübingen.«

Da treffen sie sich mit den HumorCare-Experten, die gleichfalls ganz im Ernst weniger »unspezifisch unterhalten« oder auch Leute »unreflektiert zum Lachen bringen« wollen, sondern (so die Satzung) »ihre Fähigkeiten vielmehr dosiert« einsetzen, »um den therapeutisch wirksamen Ermutigungsprozess humorvoll zu fördern.«


Info

Das Programm »Ganz im Ernst!« im Internet: www.ganz-im-ernst.com